Seit über 300 Jahren akzeptieren wir einen mathematischen Kompromiss auf den Tasten und nennen ihn schlichtweg „Standard“. Doch es gibt eine faszinierende Alternative, die unser Gehör völlig neu herausfordert: 19-EDO.
Das Problem mit 12-TET: Warum unsere gewohnte Stimmung hinkt
Unsere westliche Musik beruht auf dem Ideal, in allen Tonarten frei modulieren zu können. Um das auf 12 Tasten pro Oktave zu ermöglichen, mussten die physikalisch reinen Intervalle mathematisch „zurechtgebogen“ werden.
- Die Quinten: Sind in 12-TET fast rein (nur 2 Cents zu eng).
- Die Terzen: Sind das eigentliche Problem. Die grosse Terz ist in 12-TET um ganze 14 Cents zu hoch gestimmt. Das führt zu einer ständigen, unruhigen Schwebung.
Wir haben uns schlichtweg an dieses akustische „Rauschen“ gewöhnt.
Was macht 19-EDO anders?
19-EDO (19 Equal Division of the Octave) teilt die Oktave nicht in 12, sondern in 19 gleich grosse Schritte. Das verändert die Intervallverhältnisse grundlegend:
- Wunderschön reine Terzen: Die grosse Terz ist in 19-EDO fast perfekt rein (nur ca. 1 Cent Abweichung). Akkorde klingen plötzlich seidenweich, stabil und tiefenentspannt.
- Gewöhnungsbedürftige Quinten: Die Quinten sind in 19-EDO etwas enger als in 12-TET. Wer ein auf 12-TET konditioniertes Gehör hat (oder ein absolutes Gehör besitzt), nimmt hier im ersten Moment eine ungewohnte Schwebung wahr.
Persönliche Notiz: Als Musikerin mit absolutem Gehör war mein erster Eindruck von 19-EDO ebenfalls gewöhnungsbedürftig. Doch sobald das Gehör umgelernt hat, eröffnet 19-EDO eine völlig neue klangliche Ästhetik, die weit über das hinausgeht, was 12 Tasten bieten können.
12-TET vs. 19-EDO im Überblick
| Eigenschaft | 12-TET (Standard) | 19-EDO (Mikrotonal) |
| Töne pro Oktave | 12 | 19 |
| Grosse Terz | Erheblich zu hoch (+14 Cents) | Fast perfekt rein (-1 Cent) |
| Quinte | Nahezu rein (-2 Cents) | Etwas enger (-7 Cents) |
| Klangcharakter | Gewohnt, brillant, leicht rau | Seidenweich, schwebend, neu |
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